Nach Hospitanz beim Betreuungsverein Leer: Thiele fordert vom Leeraner Landrat Konsequenzen

Kann ein Mensch aufgrund einer psychischen Krankheit oder einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung seine Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht besorgen, so bestellt das Betreuungsgericht auf seinen Antrag oder von Amts wegen eine Betreuerin oder einen Betreuer. Der Landtagsabgeordnete Ulf Thiele (CDU) hospitierte einen Tag beim Betreuungsverein Leer. Er begleitete Christian Olthoff, der als hauptamtlicher Betreuer und Geschäftsführer des Betreuungsvereins Leer einen tiefen Einblick in diese Arbeit geben konnte. Respekt und Anerkennung aber auch persönlicher Erschütterung schwingen nach.

 

Beim Betreuungsverein Leer stehen die sehr individuellen Lebenssituationen der zu betreuenden Menschen im Mittelpunkt der vielschichtigen Hilfen. Anrufe annehmen, die Post bearbeiten, Rechnungen auf ihre Berechtigung prüfen, Auszahlungen vornehmen und die Beantwortung von Behördenschreiben, Antragstellungen oder die Korrespondenz mit Rentenversicherungsträgern sind nur ein Teil der formalen Aufgaben. Oftmals geht es aber um deutlich mehr. Betreuer sind Berater, Konfliktschlichter, Mediatoren, Orientierungsgeber und vieles mehr. Dabei geht es immer darum, was der Wunsch des zu betreuenden Menschen ist und wie am besten in seinem Sinne gehandelt werden kann? „Gesetzliche Betreuer, wie hier beim Betreuungsverein Leer, tragen eine große Verantwortung und werden immer dann tätig, wenn andere gesellschaftliche und auch familiären Unterstützungssysteme nicht oder nicht mehr funktionieren“, so Thiele.

Die Aufgaben sind nach seinen Worten nicht nur inhaltlich anspruchsvoll, sondern auch emotional fordernd. Nicht selten schauen die Betreuerinnen und Betreuer in die sozialen Abgründe der Gesellschaft und versuchen, schwerste Lebenslagen zu stabilisieren und Perspektiven für die Betreuenden zu entwickeln. „Ich bedanke mich bei Herrn Thiele für sein ernsthaftes Interesse an unserer Arbeit. Herr Thiele konnte dadurch einen sehr intensiven Einblick in die Thematik rechtliche Betreuung gewinnen, insbesondere auch auf die formellen Herausforderungen, die auf Familien in Krisensituationen zukommen. Neben der Tätigkeit der Vereinsmitarbeiter als Berufsbetreuer, hat der Betreuungsverein nun seit über 20 Jahren insbesondere Familienangehörige beim Führen von rechtlichen Betreuungen und Vorsorgevollmachten begleitet und beraten“, sagte Olthoff. Dadurch konnte nach seinen Worten in nicht wenigen Fällen ein Wechsel in eine beruflich geführte Betreuung verhindert werden.

„Diese Arbeit verdient allerhöchste Anerkennung und Unterstützung, denn jeder kann auf fremde Hilfe angewiesen sein. Aus diesem Grund fördert das Land Niedersachsen die wichtige Arbeit des Vereins aktuell mit jährlich ca. 19.000 Euro. Allerdings vermisse ich den Respekt der Kreisverwaltung, die diese Arbeit nicht entsprechend würdigt, sondern ganz im Gegenteil mit einer harten Verhandlungsstrategie die Auflösung des Betreuungsvereins provoziert, zumindest billigend in Kauf genommen hat“, beklagt Ulf Thiele den eskalierten Konflikt der vergangenen Monate zwischen der Kreisverwaltung und dem Betreuungsverein, der schlussendlich zu einem Auflösungsbeschluss des Vereins führte.

„Es ist viel Vertrauen zerstört worden. Inzwischen fehlt wohl eine gemeinsame Basis, um noch konstruktiv zusammenarbeiten zu können. Die Verantwortung dafür liegt eindeutig bei der Kreisverwaltung“, bewertet Ulf Thiele die Situation. Am Geld kann es nach seinen Worten nicht gelegen haben, denn der Kreistag habe im Haushalt 35.000 Euro bewilligt, die für diese Aufgabe zur Verfügung gestellt werden sollten. Von der Behörde sei ein Teil der Auszahlung jedoch unter Vorbehalte gestellt worden, die für den Verein zu einem unkalkulierbaren Risiko geworden wären. Diese Vorbehalte habe die Kreisverwaltung ohne Rückkopplung mit den politischen Gremien gesetzt. Bereits zuvor war das Verhältnis zwischen Betreuungsverein und Kreisverwaltung mehrfach durch die Behörde belastet worden.

Das Ergebnis dieses Handelns bezeichnete der Landtagsabgeordnete als Scherbenhaufen. Seitens der Kreisverwaltung seien die bisher vom Betreuungsverein geleisteten Querschnittsaufgaben der Betreuung weder personell noch inhaltlich in gleicher Weise leistbar. „Es ist großer, irreparabler Schaden zu Lasten der Betreuerinnen und Betreuer, insbesondere aber der Betreuten entstanden. Der Landrat muss aus diesem Schaden jetzt Konsequenzen ziehen“, sagte Thiele, der bereits Ende Dezember den Betreuungsverein einmal besuchte, da eine Auflösung des Vereins drohte. In der Folge hatten die Christdemokraten im Kreistag mit einem Haushaltsantrag Unterstützung geleistet. „Dass die Kreisverwaltung trotz der breiten Unterstützung für den Verein, quer durch die Fraktionen, und trotz des Haushaltsbeschlusses dennoch mit unannehmbaren Forderungen die Auflösung des Vereins provoziert hat, macht mich daher fassungslos“, so Thiele abschließend. 

Der Landtagsabgeordnete Ulf Thiele (CDU) hospitierte einen Tag bei Christian Olthoff (links), dem Geschäftsführer des Betreuungsvereins Leer. Foto: Wahlkreisbüro Ulf Thiele